Zum Inhalt springen

DTM: Showdown in Hockenheim: Rene Rast oder Nico Müller ?

Müller und Rast,DTM 2020, Zolder II ©Audi

Rene Rast oder Nico Müller – das ist die entscheidende Frage vor Hockenheim. Welcher der beiden Audi-Piloten holt den DTM-Titel 2020 ?

Rast, mit bereits zwei Titeln auf dem Konto, gilt als großer Favorit. 19 Punkte beträgt der Vorsprung von Rast auf seinen schärfsten Widersacher aus der Schweiz. Robin Frijns mit 41 Punkten Rückstand besitzt Außenseiterchancen.

Der Rosberg-Pilot gilt als Motorsport-Malocher, dessen außergewöhnliche Fahrkünste nicht immer auf Anhieb erkannt und berücksichtigt wurden. Champion der zweiten Chancen wird Rast genannt, der erst vor wenigen Tagen seinen 34. Geburtstag feiern konnte.

Zur Feier des Tages „schenkte“ ihm Audi einen Formel-E-Vertrag, der Wahlösterreicher tritt an der Seite von Champion Lucas di Grassi seine erste volle Formel-E-Saison an. Völlig verdient, denn der Tausendsassa lieferte beim Berliner Saisonfinale als kurzfristiger Ersatz für den gefeuerten langjährigen Stammpiloten Daniel Abt eine bärenstarke Performance ab – wieder einmal seine Chance genutzt.

René Rast, Audi e-tron FE06 #66,2020 Berlin ePrix ©Audi

Karriere im Tourenwagensport

Hockenheim, 19. April 2004 – die Motorsport-Karriere von Rene Rast ist beendet. Zu wenig Budget, das falsche Team – an einer der ersten Stufen der klassischen Formel-Sport-Leiter so früh gescheitert, während zeitgleich ein gewisser Sebastian Vettel die Konkurrenz schwindelig siegt.

Sebastian Vettels Werdegang wird Motorsport-Geschichte schreiben. Rene Rasts ebenfalls. Denn Rast ist der Champion der zweiten Chancen, macht Tourenwagen- statt Formel-Karriere.

Wie eine Schablone ließen sich Rückschläge und das Immer-Wieder-Zurückschlagen über die Karriere des Mindeners legen. Im Großen, Ganzen. Und im vermeintlich Kleinen.

Das Jahr 2020 ist wieder so eine typische Rast-Story. Vom 06. bis 08. November 2020 schickt sich Rene Rast an, den dritten Titel in der DTM zu feiern, startet als Favorit in das Finale, ebenfalls in Hockenheim.

Obwohl es im Verlaufe dieser denkwürdigen Saison lange Zeit für seinen unmittelbaren Konkurrenten Nico Müller lief. Der Showdown zwischen den Audi-Piloten: Gesucht wird jenes Mentalitätsmonster mit dem größten Killerinstinkt.

Rene Rast, der Kämpfer: Aufgeben gilt nicht

Mit dem dritten Titel würde Audi-Werksfahrer Rene Rast aus dem Audi Sport Team Rosberg mit der Tourenwagen-Legende Klaus Ludwig gleichziehen, nur Bernd Schneider hat mehr Titel gewonnen, deren fünf.

Motorsport-Geschichte zu schreiben ist nicht Rasts vordergründigster Antrieb, schon eher interessieren ihn Statistiken. Dass er mit dem nächsten Sieg sogar den langjährigen Abt-Piloten Mattias Ekström hinter sich lässt, mit dann 24 DTM-Siegen in der ewigen Bestenliste hinter Schneider (43) und Ludwig (37) alleiniger Dritter ist, „das würde mir sehr viel bedeuten“.

Der gebürtige Mindener wäre dann der erfolgreichste Audi-Pilot, aber mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass Schneider für seine Siege 236 DTM-Starts absolvierte, Ludwig 219 und Ekström 197. Gerade einmal 74 DTM-Starts zählt Rast, denn 2020 ist erst seine vierte komplette Saison.

Rene Rast, der Malocher: Akribische Vorbereitung auf das nächste Rennen

„Rene ist kein einfacher Mensch, eigentlich schwierig“, sagt Dennis Rostek. Er muss es wissen, er ist seit 2005 sein Manager. Rast wird in jedem Fahrerlager in höchstem Maße geschätzt, aber auf manche Leute wirkt er eher etwas kühl, abweisend. Ganz anders dagegen sein Titelwidersacher Nico Müller, der mit seinem sympathischen Lächeln und seinem Schweizer Akzent schnell die Herzen erobert.

Homestory Rene Rast ©DTM

Doch der Rosberg-Pilot strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus, lässt sich durch Rückschläge nicht beirren, arbeitet intensiv und akribisch weiter.

In den Medienrunden ist Rast ein gefragter Mann, der Rosberg-Pilot nimmt sich viel Zeit für die Fragen. Das können wir von ‚Bildpresse2010.blog‘ nur dick unterstreichen.

Sein Manager Dennis Rostek ergänzt: „Rene ist ein Malocher!“ Und das meint er im besten Sinne des Wortes.

Akribie ist ein Merkmal, das Rast besonders auszeichnet. „Er arbeitet intensiver als jeder Ingenieur“, so Rostek. An der Rennstrecke und noch mehr zuhause investiert der Rennfahrer Stunden um Stunden in die Analyse und die Vorbereitung.

Ganz gleich, wie lange es dauert, er sucht alle möglichen Videos von einem Rennen, einer Rennstrecke. „So viel wie ich finden kann.“ Dann schneidet er sich die relevanten Szenen zusammen, die er sich dann immer und immer wie anschaut.

„Wo sind die besten Stellen zum Überholen, die besten Linien zum Verteidigen, die besten Startplätze, wo drohen Strafen.“ All das saugt Rast in sich auf. „Klar, das ist sehr zeitaufwändig, das kostet extrem viel Zeit“, räumt er ein. Der Erfolg gibt ihm allerdings Recht. „Eigentlich ist dieses Prozedere schon in jeder Rennserie meine Art der Vorbereitung.“

Rast vergräbt sich genauso in die Daten, auch in seine alten Daten. „Man muss auch aus eigenen Fehlern lernen. Wenn ich zum Rennen komme, habe ich einen konkreten Fahrplan.“

Manager Rostek: „Rene ist kein Naturtalent“

In dieser Intensität ist das eher ungewöhnlich. „Er nutzt diese Basics zu 110 Prozent“, unterstreicht sein Manager. Was Dennis Rostek, der Rast längst zum Partner seiner Firma gemacht hat, dann sagt, klingt weniger charmant: „Rene ist nicht unbedingt ein Naturtalent.“

Aber ehrlich gesagt, wer ist das schon? Betrachtet man Rasts DTM-Bilanz, so möchte man ihm widersprechen. Was Rostek aber meint ist, dass sein Schützling sich diese Erfolge extrem hart erarbeitet. Ein Malocher eben. „Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Rennfahrern.“

Homestory Rene Rast ©DTM

Rast ist sofort zur Stelle, wenn Testfahrten anstehen. „Jede Runde zählt. Fahren ist das beste Training“, ist er überzeugt. Während Rast sich mit seiner Video-Leidenschaft akribisch wie kaum ein anderer vorbereitet, kann er es sich leisten, in Sachen Fitness und Ernährung weniger zu tun als andere.

„Ich ernähre mich ziemlich normal, ausgewogen, eher vegetarisch, also weniger Fleisch. Ich fahre gerne mit dem Rennrad oder dem E-Mountainbike, das macht mir Spaß. Zu Hause habe ich ein Rudergerät. Ich muss nicht viel machen, um fit zu sein.“ Einen Fitnesstrainer oder gar einen Mentaltrainer sucht man an seiner Seite vergeblich.

Bei drei Sichtungen durchgefallen – und dann alle Lügen gestraft

Vom Kartsport ging es damals in die Formel BMW, doch für den nächsten Schritt in die Formel 3 fehlten Geld und – nach durchwachsener 2004er-Saison nach Zwangspause und Teamwechsel – auch die Reputation.

Es folgte 2005, jener besagte Neustart, ein Schritt zurück in den Volkswagen-Polo-Markenpokal. „Tourenwagen-Schule“ statt Formel-Aufstieg. Rast räumte den Titel ab, Rostek wurde auf ihn aufmerksam, schmiedete mit Volkswagen-Sportchef Kris Nissen (siehe Foto) das VW-Junior-Konzept.

Kris Nissen, Tourenwagen Classics salzburgring ©EHirsch

Ab 2006 durchlief Rast, nun mit Rostek als Manager, als Volkswagen-Junior die Konzern-Marken, von Volkswagen über Seat zu Porsche und eben zu Audi. Allein im Porsche-Markenpokal erkämpfte er fünf Titel, drei davon im Supercup auf Formel-1-Bühne.

Im Audi R8 LMS gewann er seit 2011 die 24-Stunden-Rennen in Daytona, auf dem Nürburgring, in Spa-Francorchamps, teils mehrfach, dazu auch das ADAC-GT-Masters. 2015 stieg er ins Audi-Werksteam auf und fuhr sogar im Audi LMP1 die 24 Stunden von Le Mans.

Nur sein Traum von der DTM, sein ewiger Traum, wollte partout nicht in Erfüllung gehen. 2012 wurde er von Audi erstmals zur Sichtung eingeladen – und für zu langsam befunden. Zwei weitere DTM-Sichtungen folgten, ohne Erfolg. „Das war keine schöne Zeit“, erinnert er sich eher ungern.

Dann kam der 16. Juli 2016: ein Anruf, eine Blitzreise nach Zandvoort und seine DTM-Premiere als Ersatz für den verletzten Adrien Tambay.

Ein Abenteuer, das den Traum durchaus hätte für immer zerstören können. Rast jedoch nutzte die Gelegenheit, durfte dann sogar in Hockenheim Mattias Ekström ersetzen. Der Rest ist Geschichte: 2017 entriss er Ekström auf den letzten Metern der Saison den Titel, 2018 wurde er Vizemeister, und 2019 setzte er sich gegen Müller durch. Jener Müller, der dieses Jahr ihm alles abverlangt. „Nico fährt eine sehr starke Saison“, so Rast mit einem anerkennenden Nicken, „vor allem im Reifenmanagement ist er stärker. Auch seine Starts waren besser, aber darin habe ich mich deutlich verbessert.“

Müller und Rast,DTM 2020, Zolder II ©Audi

Rast, der im Zweikampf Vorteile für sich sieht, schätzt seinen ärgsten Konkurrenten, scheint aber etwas zu bedauern, dass Müller „eigentlich keine Schwächen“ hat.

Seit 2016 also lebt Rene Rast seinen Traum. 2016, das Jahr, in dem Söhnchen Liam geboren wurde, ein Jahr, das vieles veränderte. „Familie war mir immer wichtig.“

Mit seinem Vater, der in der Box immer die Rundenzeiten notiert und analysiert, war er in jungen Jahren schon bei der DTM in Diepholz und bei der Formel 1 am Nürburgring. „Ich habe es immer genossen, nach Hause zu kommen. Wegen Liam ist es mir noch wichtiger geworden“, sagt er und freut sich auf die nächsten Runden mit dem ferngesteuerten Buggy gemeinsam mit Liam im heimischen Garten in Bregenz am Bodensee.

Vor dem Finale in Hockenheim verbrachte Rast die Zeit mit der Familie, ausnahmsweise nicht auf der Rennstrecke. „Ich war tatsächlich zu Hause. Wir hatten ja eigentlich vor, die 24 Stunden Spa zu fahren, aber das wurde für uns drei (Anmerkung der Redaktion: Rast,Müller und Frijns) gekippt.

Glücklicherweise, denn es gab nach Spa ja positive Corona-Fälle. Ich hatte Besuch von meinen Eltern. Mein Sohn hatte Geburtstag, ich hatte Geburtstag. Von dem her war es ganz entspannt“, so der zweifache DTM-Champion.

Homestory Rene Rast ©DTM

Wehmut vor dem Showdown: „Das sind die geilsten Rennwagen“

Mit den Gedanken an Hockenheim kommt ein Stück Wehmut auf. „Das sind die geilsten Rennwagen, die es derzeit gibt. Das sind reinrassige Rennwagen, mit viel Leistung und mit Down Force, einfach brutal schnell“, schwärmt Rast von den aktuellen Class-1-Tourenwagen der DTM, deren Zeit in Hockenheim abläuft.

„Diese DTM-Autos sind so schnell – in Spa waren wir nur wenige Sekunden langsamer als die LMP1-Monster oder die Formel 2.“ Rast steigt als großer Favorit ins Hockenheim-Finale ein, der dritte DTM-Titel ist zum Greifen nahe.

Der Mindener ist fokussiert und malocht – für den Titel, für den 24. Sieg, für die Statistik. Und ganz nebenbei schreibt der Rosberg-Pilot weiterhin Motorsport-Geschichte. 2021 die Formel E– seine zweite Chance im Formel-Rennsport…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: