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DTM: Herbert Schnitzer jr. im XXL-Interview: „Projekt BMW M4 GT3 die Zukunft“

Herbert Schnitzer jr BMW ©EHirsch

Am Wochenende (24. bis 27. September) steigt der Saisonhöhepunkt im internationalen GT3-Motorsport. Die 48. Auflage des 24h-Rennen auf dem Nürburgring steht auf dem Programm.

Das 24 Stundenrennen in der Eifel steht auf dem Programm. Mittendrin statt nur dabei in der „Grünen Hölle“ geht das Schnitzer-Team aus Freilassing mit einem BMW M6 GT3 an den Start.

Jens Klingmann, Sheldon van der Linde, Martin Tomczyk und Augusto Farfus steigen für Schnitzer ins BMW-Cockpit.

Teammanager Herbert Schnitzer jr. schwingt seit Anfang 2019 das Zepter beim Freilassinger Traditionsrennstall. „Ich habe eine große Vorfreude auf das 24h-Rennen auf dem Nürburgring“, fiebert Schnitzer jr. dem Saisonhöhepunkt entgegen.

„Das Rennen wird für das Team sehr intensiv, viel Vorbereitungszeit und Detailarbeit sind vonnöten. Wir sind 48 Stunden am Stück am Arbeiten, an Schlaf ist nicht zu denken. Die ganze Zeit ist man permanent gefordert. Das 24h-Rennen ist eine enorme Herausforderung“, gibt der 39-jährige im Gespräch mit ‚bildpresse2010.blog‘ offen zu. Das Ziel des Schnitzer-Team: den 20. BMW Gesamtsieg mit dem BMW M6 GT3 zu erringen. 

Übergabe im Hause Schnitzer

Der Sohn des mittlerweile 79-jährigen Herbert Schnitzer sen., einer der Gründerväter von Schnitzer Motorsport, hat 2019 die Leitung im Hause Schnitzer übernommen.

Charlie Lamm_Muenchen (c)BMW

Sein Onkel Charlie Lamm besaß fast vier Jahrzehnte die sportliche Führung bei Schnitzer und feierte großartige Erfolge im internationalen Rennsport. Lamm gab im September 2018 seinen Rückzug bekannt, übergab den Staffelstab an Schnitzer jr. und sah vor, den Übergang mit seiner langjährigen Erfahrung zu begleiten.

Doch daraus wurde leider nichts. Lamm verstarb im Januar 2019 völlig überraschend mit 64 Jahren. „Ich habe sehr viel Respekt von meinen Onkel Charlie gehabt, er war eine Motorsport-Koryphäe“, zollt Schnitzer jr. den verstorbenen Lamm höchsten Respekt. „Mein Onkel war Perfektionist. Leider konnten wir das, was wir zur Übergabe besprochen und ausgearbeitet haben, nicht mehr umsetzen“, so der 39-Jährige.

Kein leichtes Erbe für Schnitzer jr., der ins eiskalte Wasser geworfen wurde. Der Freilassinger musste dem Rennstall mit neuen Ideen die richtigen Impulse geben- Veränderungen waren notwendig.

„Die Übernahme war nicht so einfach“, gibt Schnitzer jr. offen zu. „Meine Leute im Haus sind meine große Hilfe. Unsere Stärke besteht darin, dass wir ein sehr familiäres Team sind, der Zusammenhalt ist hervorragend.

Ich habe das große Glück, an meiner Seite sehr kompetente Personen zu haben. Wir haben eine Umstrukturierung durchgeführt. Stefanie Flohr, die ehemalige Sekretärin von Charlie Lamm, wurde bei uns zur neuen Teamkoordinatorin auserkoren. Sie ist meine rechte Hand und eine Riesenstütze, insbesondere in organisatorischer Hinsicht.

In der Werkstatt erfolgte ebenso eine Umstrukturierung, die Car-Chiefs bekamen eine größere Rolle zugesprochen und nehmen mehr Einfluss“, erläutert Schnitzer jr. die Veränderungen im Hause Schnitzer.

Herbert Schnitzer BMW ©EHirsch

Dazu hilft Vater Herbert Schnitzer (siehe Foto), wo er nur kann. „Mein Vater kann mir durch sein Netzwerk extrem weiterhelfen und unterstützen. Er hat ein gigantisches Netzwerk, damit kann er schön Türen öffnen. Durch seine Politik und die meines Onkels über die Jahrzehnte sind wir ehrlich, offen, freundlich miteinander und hilfsbereit. Das pflegen wir weiterhin und so treten wir auf“, sagt der 39-jährige Teammanager.

Der Weg zurück nach Freilassing

Herbert Schnitzer jr. war als kleiner Junge mit Papa Herbert Schnitzer auf verschiedenen Rennstrecken dieser Welt unterwegs. Der Motorsport-Virus wurde dem Filius schon früh eingeimpft. „Ich habe zwei große Helden aus meiner Kindheit, Roberto Ravaglia und Jockel Winkelhock“, sagt Schnitzer jr.  „Sie waren für mich immer etwas ganz Besonderes.“ Beide Ausnahme-Fahrer gingen für Schnitzer Motorsport an den Start und feierten zusammen große Meisterschaften.

Schnitzer jr. bestritt seinen eigenen Werdegang. „Meinen Vater war es wichtig, dass ich bei anderen Rennteams arbeite, dort Erfahrungen sammle, um von anderen Teams bei uns einen Input zu geben“, sagt Schnitzer jr.

Als BMW Motorsport 2011 das Schnitzer-Team für den Wiedereinstieg in die DTM berief, war der Zeitpunkt für die Rückkehr nach Freilassing gekommen. „Mein Vater und mein Onkel Charlie baten mich nach Hause zu kommen“, so Schnitzer jr.

„Unser Team benötigte dringend Ingenieure. Da ich Diplom-Ingenieur für Fahrzeugtechnik bin und ich eine Menge Erfahrung als Dateningenieur im GT Bereich sammeln konnte, stieg ich als Systemingenieur in den elterlichen Betrieb ein“, führt der 39-Jährige weiter aus.

Herbert Schnitzer jr BMW ©EHirsch

Erfahrungen bei Phoenix Racing und das Nein von Audi

Da die Firma Schnitzer zu dieser Zeit zusätzlich ein BMW-Autohaus betrieb, gab es die Überlegung, Schnitzer jr. im eigenen Hause in dem wirtschaftlichen Bereich einzubinden. Da jedoch das technische Interesse mehr geweckt war, entschied sich Schnitzer jr. für die Motorsportabteilung.

Die Schulausbildung erfolgte mit der Mittleren Reife in Freilassing und der Fachoberschule in Traunstein. Mit dem Fachabitur in der Tasche ging Schnitzer jr zuerst auf die Fachhochschule nach Rosenheim, um dort Elektrotechnik zu studieren. Danach wechselte er die Studienrichtung und ging nach Landshut. Das  Studium Maschinenbau mit Schwerpunkt Fahrzeugtechnik kam Schnitzer mehr entgegen.

Nach erfolgreich absolviertem Studium ging Schnitzer jr. zunächst für kurze Zeit ins Ausland nach Angola. 2007 arbeitete der Freilassinger an der Seite von Udo Mark (Agentur 17), die für die MINI Challenge-Rennserie verantwortlich war.

Danach sammelte Schnitzer weitere Erfahrungen in der Fremde. „Beim Phoenix Racing-Team in der Eifel habe ich ganz tolle Zeiten erlebt und wir pflegen heute noch einen sehr freundschaftlichen Kontakt zu Phoenix“, sagt Schnitzer jr.

Phoenix-Teamchef Ernst Moser holte den Oberbayer 2008 nach Meuspath, der als Dateningenieur in der FIA GT1-Meisterschaft die eingesetzte Corvette C6R betreute. Die Fahrer hießen damals die beiden Schweizer Marcel Fässler und Jean-Denis Deletraz. „Ich arbeitete eine ganze Saison lang bei Phoenix mit der Option auf eine weitere Saison als Renningenieur“, so Schnitzer jr., der heute noch immer gerne an die schöne Zeit zurückdenkt.

„Leider gab es zu dieser Zeit die Umstellung auf den neuen Audi R8 und von Audi-Seite gab es den Wunsch, auf mich zu verzichten. Ich habe das akzeptiert. Mir war klar, dass ich am Kopf einen BMW-Stempel draufhabe“, erklärt Schnitzer.

Moser und sein Phoenix-Team bemühten sich zwar, Schnitzer in das DTM-Team zu integrieren. Eine Zusammenarbeit zwischen dem Audi-Team von Phoenix und Schnitzer jr. kam nicht mehr zustande.

„Ich hatte die leise Hoffnung, dass Audi einen „BMWler“ anheuern würde, da zu diesen Zeitpunkt der damalige BMW-Motorsportchef Dr. Mario Theissen einen DTM-Einstieg vehement ablehnte. Die Hoffnung bestand darin, intern bei BMW Werbung für einen DTM-Einstieg zu machen“, berichtet der 39-jährige Oberbayer.

Da der Plan mit Audi nicht aufging, sammelte Schnitzer jr. weitere Erfahrung in der MINI Challenge (Technischer Koordinator Spanien, Argentinien, Brasilien) und als Dateningenieur bei Lechner Racing in Österreich.

Schließlich erfolgte die Rückkehr in die hauseigene Rennsportabteilung nach Freilassing- das Abenteuer DTM rief.

Der Start in eine neue Ära

2019 ging die Schnitzer-Truppe mit zwölf Mitarbeitern plus Piloten und BMW-Ingenieuren auf Welttournee. In der Intercontinental GT Challenge (IGTC) absolvierte der Freilassinger Rennstall für BMW fünf Langstrecken-Rennen auf fünf Kontinenten: Bathurst (Australien), Laguna Seca (USA), Spa-Francorchamps (Belgien), Suzuka (Japan) und Kyalami (Südafrika) standen im Rennkalender.

BMW M6 GT3 Schnitzer-BMW ©BMW

Drei fünfte Plätze, dazu ein siebter Platz in Kyalami lautete die Saisonbilanz – eine solide Vorstellung der Oberbayern unter ganz schwierigen Bedingungen. „Ich bin extrem stolz auf uns, dass wir 2019 so perfekt hinbekommen haben“, resümierte Schnitzer. „Es gab in der ITGC nie einen Ausfall technischer Natur. Unser Auto war immer im bestmöglichen Zustand, wir haben unsere Fahrer bestmöglich betreut“, erklärt der Freilassinger Teammanager.

Nächster Meilenstein: Testarbeit BMW M4 GT3

In diesem Jahr ging Schnitzer in der Nürburgring Langstreckenserie (NLS) an den Start, das Highlight erfolgt am kommenden Wochenende beim 24h-Klassiker. Und noch ein wichtiges Standbein betreibt Schnitzer Motorsport in Zusammenarbeit mit BMW. Die Entwicklung des neuen BMW M4 GT3. Die Mannschaft aus Freilassing übernimmt eine wesentliche Rolle in der Testarbeit. Es ist das neue Top-Fahrzeug der Münchner im Kundensportprogramm, das ab der Saison 2022 Premiere feiert.

„Die Entwicklung ist komplett in München bei BMW Motorsport mit ihren ganzen Fachabteilungen“, gibt Schnitzer Einblick in das neue spannende Projekt. „Wenn das erste Chassis kommt und erste Teile der Zuliefererfirmen kommen, sind wir mit eingebunden. Wir schicken unsere Mechaniker nach München. Der Musterbau mit den Erstteilen fand bereits statt, das Auto wird dann komplettiert, damit sich die Fahrer eine Vorstellung vom Auto machen können.

BMW M4 GT3 Roll out,Dingolfing (GER), 18th July, BMW M Motorsport ©BMW

Dann erfolgt das erste Rollout, da sind wieder meine Mechaniker mit dabei. Zusätzlich schicke ich meine Ingenieure, also Renn- und Systemingenieure. Der Renningenieur betreut den Fahrer, die Kommunikation, das Release des Fahrzeugs, die Rückholung des Fahrzeugs in Abstimmung mit den BMW-Ingenieuren und mit unseren Mechanikern, die die Arbeitslisten am Auto festlegen.

Der Systemdateningenieur wacht über die ganze Elektronik, prüft die Funktionalität der ganzen Sensoren. Er importiert und wandelt die Daten, danach stellt er diese den BMW-Ingenieuren für die Teilanalyse zur Verfügung“, erklärt Schnitzer mit leuchtenden Augen die Entwicklungsarbeit an dem neuen BMW M4 GT3.

Sobald weitere Änderungswünsche und Setup-Einstellungen vollzogen sind, erfolgt ein weiterer Testeinsatz, an dem das Schnitzer-Team das GT3-Auto mit einem leitenden BMW-Mechaniker direkt betreut.

„Leider gab es dann eine Zwangspause wegen COVID-19“, sagt Schnitzer. „Nach dem Lockdown wurde die intensive Arbeit fortgesetzt. Trotz herausfordernder Umstände verläuft das Projekt planmäßig“, ergänzt der Freilassinger. Im Juli absolvierte BMW einen erfolgreichen Rollout in Dingolfing. Augusto Farfus saß im Cockpit und fuhr ein paar Kilometer mit dem neuen Vorzeigeobjekt der Münchner.

„Das Projekt ist die Zukunft. Das gibt uns 2022 im Echteinsatz einen strategischen Vorteil, da unsere Leute das Auto am besten kennen. Für die nächsten Jahre ist das unser Arbeit- und Einsatzmittel. Der GT-und Tourenwagensport ist und bleibt unser Metier, da fühlen wir uns wohl“, sieht Schnitzer jr. die Zukunft positiv in die Augen.

Gibt es in der DTM ein Wiedersehen mit Schnitzer Motorsport? Am Wochenende wurden nämlich die Rettungspläne der DTM bekanntgegeben, die unter der Federführung von Ex-Formel1-Pilot Gerhard Berger- übrigens auch ein ehemaliger Schnitzer-Fahrer- ab 2021 eine neue GT Pro-Serie ins Leben rufen. Der BMW M4 GT3 könnte dort ab 2022 oder vielleicht früher zum Einsatz kommen.

Herbert Schnitzer jr BMW ©EHirsch

Die Zukunft: Historischer Motorsport?

Ein weiteres Betätigungsfeld baut der Freilassinger Rennstall auf den historischen Rennsport. Privatkunden sind das Ziel. „Wir versuchen, in den historischen Motorsport Fuß zu fassen. Wir würden Replikats für Interessenten aufbauen oder historische Kundenautos Serviceleistungen anbieten“, erhofft sich Schnitzer Zuwachs in diesen Bereich.

Schnitzer, der mittlerweile Vater des 15 Monate alten Christian Herbert Schnitzer wurde, läutet Schnitzer-Motorsport in eine neue Ära ein. „Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen Schnitzer und BMW Motorsport weiter zu intensivieren. Loyalität gegenüber BMW ist ein absolutes Muss für den erfolgsverwöhnten Rennstall aus Oberbayern.“

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