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Formel E: Neel Jani im XXL-Interview: ‚Wollen beide Porsche-Autos nach vorne bringen‘

Neel Jani neben Andre Lotterer in Chile ©Porsche

Formel-E-Pilot Neel Jani tauschte vergangenes Wochenende beim GP Ice Race in Zell am See sein Arbeitsgerät. Der 36-jährige Schweizer saß nicht im Cockpit seines Porsche 99X Electric mit der Startnummer 18, sondern driftete im neuen Elektroflitzer Porsche Taycan um den Eisparcours.

Am Rande des Eisspektakels unterhielt sich ‚Bildpresse2010.blog‘ mit dem Formel-E-Rookie über seine drei bisher absolvierten Rennen für den deutschen Sportwagenhersteller, die enge Zusammenarbeit mit Teamkollege André Lotterer, seine Prognose für den Mexico City E-Prix und das GP Ice Race in Österreich.

Neel Jani, wie bewerten Sie ihre ersten drei Rennen im Porsche 99X Electric ?

Neel Jani: Für mich persönlich war Saudi-Arabien sehr schwierig. Ich habe mich mit vielen Kleinigkeiten herumschlagen müssen und eine steile Lernkurve im Rennen durchlaufen dürfen. Daraus haben wir alle im TAG Heuer Porsche Formel-E-Team gut gelernt.

In Chile lief es eigentlich schon sehr gut. Im Qualifying haben mir auf Platz 5 lediglich eineinhalb Zehntel gefehlt. Da alles so knapp war, musste ich mit Platz 11 vorliebnehmen. Von der Pace her wäre ein Top Ten-Ergebnis sicherlich drin gewesen. Der Beginn war von daher schwierig, jetzt läuft es schon viel besser. Ich hoffe beim nächsten Rennen in Mexico-Stadt das umzusetzen, was wir an Speed im Auto gefunden haben.

Herr Jani, Sie haben es gerade angesprochen. Sie haben die Super Pole in Chile um einen Wimpernschlag verpasst, stimmt Sie das positiv für Mexico?

Jani: Auf jeden Fall, da ich weiß, was im Qualifying in Chile noch schieflief. Da gibt es einige Dinge, die wir verbessern können. Mein Ziel lautet daher, in Mexico in die Super Pole einzuziehen.

Neel Jani Chile ©courtesy by FormulaE

Welches Verbesserungspotential sprechen Sie damit an?

Jani: Verbesserungspotential besteht darin, im Qualifying mit 250 kW eine perfekte Runde hinzuzaubern. Da muss alles stimmen, die Reifen- und Bremstemperatur und das Setup für das Qualifying. Da haben wir ein, zwei Dinge noch nicht in Perfektion umgesetzt. Wenn wir das komplett verstehen, können wir noch einiges an Potential freischalten. Das hängt auch von den Erfahrungswerten ab.

Ist es einfacher in die Super Pole einzuziehen, wenn Sie aus der hinteren Gruppe auf Zeitenjagd gehen?

Jani: Das würde ich generell nicht behaupten. In Chile war Gruppe 2 im Vorteil, da dort der beste Grip vorherrschte. Der Streckentemperaturunterschied zwischen Gruppe 1 und Gruppe 4, in der ich gefahren bin, betrug über 3 Grad. Von daher hoffe ich, dass es in Mexico nicht zu heiß werden wird.

Neue Strecken: ein Vorteil

Sind die ganz neuen Strecken wie Seoul, Jakarta oder London für Sie ein großer Vorteil?

Jani: Es ist sicher vorteilhaft, Strecken zu haben, die komplett neu sind. Dort müssen alle viel lernen. Mexico ist für mich auch super, da es Anpassungen am Layout gibt. Einen Teil davon kennen die Fahrer vom letzten Jahr, der Rest ist doch wirklich neu. Das hilft uns schon. In Chile war es ja das gleiche Thema und das machte schon einen Unterschied aus.

Stichwort verändertes Streckenlayout in Mexico, welche Zielsetzung haben Sie sich dort vorgenommen?

Jani: Auf jeden Fall möchte ich Punkte sammeln. Das muss das Ziel sein, denn ich habe das Potential dafür. Der Vorteil bei neuen Strecken liegt nicht nur bei mir als Rookie-Fahrer, sondern hilft auch neuen Teams in der Formel E wie Porsche.

Die etablierten Teams können nicht komplett auf die Daten vom Vorjahr zurückgreifen, was die Energielevels, die Energiestrategien und den Sparmodus betrifft. Es bringt uns auf allen Ebenen Vorteile, dass die Strecke für alle nahezu neu ist.

Strecke Mexico City E-Prix ©FIAFormulaE (Twitter)

Als Formel-E-Rookie sind Ihnen die Strecken zumeist unbekannt. Sie verrichten von daher viel Simulatorarbeit. Wie unterscheidet sich diese Vorgehensweise von der realen On-Track-Erfahrung?

Jani: Es ist das erste Mal seit 20 Jahren, dass jede Strecke für mich Neuland ist. Ich kenne keine einzige davon. Der Simulator ist unglaublich wichtig geworden, in der Formel E umso mehr, weil es ein Ein-Tages-Event ist.

Da hat man keine Zeit, im freien Training 1 und 2 die Strecke erst kennenzulernen. Man muss hinkommen und die Strecke eigentlich schon gut kennen. Aus diesem Grunde ist die Erfahrung in der Formel E extrem wichtig.

Man sieht es ja beim Fahren. Da zählt Erfahrung mehr als noch in anderen Serien. Wir haben im Simulator und bei den Testfahrten den Porsche 99X Electric gut entwickeln können. Das Tool, das wir im Simulator nutzen können, steht auf einen hohen Level.

Neel Jani und Andre Lotterer, Porsche ©Porsche

Sie arbeiten sehr transparent mit Ihren Teamkollegen André Lotterer zusammen. Wie muss man sich das vorstellen?

Jani: Andre und ich kennen uns schon sehr, sehr lange. Wir haben ja auch in Le Mans das Auto geteilt. Wir sind unterdessen in einem Stadium unserer Karriere angelangt, wo unser erstes Ziel nicht lautet, sich gegenseitig zu erledigen.

Unser erstes Ziel lautet, zusammen vorne zu sein. Wenn wir dann jedes Rennen Platz 1 und 2 erreichen, dann können wir vielleicht mal darüber diskutieren. Aber das ist in der Formel E nicht möglich.

Unsere Stärke zeichnet sich dadurch aus, dass wir sehr gute Teamkollegen sind, weil wir uns für den jeweils anderen freuen, wenn er es gut macht. Wir kommunizieren sehr offen, wenn es mal nicht so rund läuft. Schlussendlich fahren wir für Porsche und wir lernten in Le Mans, dass wir die Marke nach vorne bringen wollen.

Unsere Pace in der Formel E war von Anfang an gut. Die anderen Fahrer haben alle schon Erfahrungen gesammelt. Wenn wir da nicht offen miteinander kommunizieren, dann wird das Team ebenfalls gehemmt sein. Ziel muss es sein, beide Porsche-Autos nach vorne zu bringen.

Formel E: Boom in der Schweiz

In der Formel E stehen mit Mortara, Buemi, Müller und Ihnen vier Schweizer Fahrer unter Vertrag? Können Sie diesen Schweizer Boom erklären?

Jani: Edo Mortara fährt schon sehr lange im Motorsport, er ist ja früher unter italienischer Flagge gefahren. Sebastien Buemi und ich sind schon lange unterwegs und Nico Müller hat ebenso einen guten Weg eingeschlagen.

Es gibt in letzter Zeit viele junge Schweizer Fahrer, die Potential haben. Ich denke da an Patrick Niederhauser, der bei Audi Sport unter Vertrag steht oder Alain Valente, der bei McLaren im GT-Sport engagiert ist. Das finde ich super und freut mich sehr.

Die Formel-E-Rennen in der Schweiz haben sicherlich dazu beigetragen. Das sind Wellenbewegungen, einmal mehr, einmal weniger. Momentan sind wir in der glücklichen Situation, dass wir in der Schweiz mehrere potentielle Fahrer haben.

Apropos Schweiz: Bedauern Sie es, dass es keinen Schweiz E-Prix mehr gibt?

Jani: Das finde ich sehr schade. Die Strecke in Bern nämlich war sehr gut und von den Leuten gut besucht. Nach den Demonstrationen in Bern, kann ich verstehen, dass die Formel E dort nicht mehr hingeht.

Wie gehen die Schweizer mit der E-Mobilität um?

Jani: Im Moment wird es politisch gefördert. Eines ist klar. Der CO2-Ausstoß muss reduziert werden. Es sind ja nicht nur die Autoindustrie betroffen, auch die Industriesektoren stehen in der Verantwortung. Jeder Sektor muss herausfinden, wie man nachhaltiger werden kann. Im Moment setzt man in der Schweiz auf Elektromobilität, die Diskussion muss jedoch weitergeführt werden.

Welcher Reiz übt für Sie das GP Ice Race in Zell am See aus, auf Eis zu driften?

 Jani: Das macht ungemein Spaß. Ich bin früher, wenn es bei mir zu Hause geschneit hat, um Mitternacht mit meinen Freunden und Kollegen zusammengekommen und waren auf Feldwegen mit unseren Renault Clios oder Subaro Impreza unterwegs. Da sind wir noch mit manueller Handbremse herumgedriftet. Das hat immer eine Menge Spaß gemacht. Ich darf ja hier mit dem Porsche Taycan 4×4 fahren, auf Schnee klingt das sehr verheißungsvoll.

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