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FE: Lucas di Grassi im Interview: ‚Fahrer-Vereinigung hat null Power‘

Audi-Pilot Lucas di Grassi gehört wie jede Saison zu den heißesten Titelfavoriten der Formel E. Der Brasilianer gewann die Meisterschaft 2016/17 und liegt aktuell auf Position 5 in Schlagdistanz zu Tabellenführer Antonio Felix da Costa.

Nur zehn Punkte beträgt der Rückstand auf den BMW-Piloten. Vor dem heutigen Rom E-Prix ging di Grassi auf große Werbetournee für die anstehenden fünf Europa-Rennen. Zusammen mit voestalpine-CEO Wolfgang Eder und Formel-E-Sportdirektor Frederic Espinos präsentierte di Grassi die Trophäe zu den ‚voestalpine European Races‘ in Wien.

Wenige Stunde später eilte er nach München, um mit Teamkollege Daniel Abt bei einer Veranstaltung von ABT Motorsport die Elektrorennserie zu vertreten.

Di Grassi, Espinos, Eder (Credit: voestalpine AG/APA-Fotoservice/Tanzer)

Hier bot sich für uns die passende Gelegenheit, uns mit di Grassi über das letzte Rennen in Sanya (China) zu unterhalten, als er auf Platz 6 liegend durch einen Schubser von Virgin-Pilot Robin Frijns aus dem Rennen gekickt wurde.

Der Disput mit dem Niederländer schlug auf den sozialen Netzwerk Twitter hohe Wellen, mittlerweile haben sich die Gemüter abgekühlt. Zudem befragten wir den 34-jährigen Audi-Piloten, ob eine Fahrer-Vereinigung der Formel E angesichts der zahlreichen Unfälle sinnvoll erscheine.

Lucas du warst auf Werbetour in Österreich unterwegs. Würdest du gern einen E-Prix in Wien fahren?

Ja, sicherlich. Je mehr große Städte wir bekommen, desto besser für die Formel E. Wien ist eine wunderschöne Stadt und sehr geschichtsträchtig. Ich glaube, wir hätten dort ein interessiertes Publikum.

Du bist Geschäftsführer bei Roborace, der weltweit ersten Rennserie für autonome Elektrofahrzeuge. Wann beginnt die Alpha-Saison?

Ende April, Anfang Mai ist es soweit. Dann gibt es das erste Event. Wir fahren in Monteblanco, Spanien. Das erste Rennen wird ausschließlich mit Künstlicher Intelligenz (KI) gefahren. Am Ende der Alpha-Saison sollen dann KI und Fahrer gemeinsam an den Start gehen.

Wie sehen aktuell sehr viele Unfälle in der Formel E, besonders bei den beiden letzten Rennen in Hongkong und Sanya. Worauf führst du das zurück?

Ich glaube, es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Im Rennen gibt es kein Energiemanagement mehr. Die Gen2-Autos sind allgemein sehr leistungsstark, alle Autos liegen ganz eng zusammen. Dazu mangelt es an der Durchsetzbarkeit von konstanten Strafen. Die Folge davon sind chaotische Rennen.

Erscheint da eine Fahrer-Vereinigung nicht sinnvoll, um diesen Missstand zu beheben?

Schauen Sie, wir haben dies bereits in der Vergangenheit versucht. Die Fahrer-Vereinigung hat null Power. Ich würde eine Vereinigung nur einrichten, wenn sie Exekutivgewalt hätte. Wenn wir Fahrer mit unseren Stimmen etwas an den Missständen ändern können, wäre ich damit einverstanden. Wenn wir allerdings einen Berater der FIA erhalten, interessiert mich die Fahrervereinigung nicht mehr. Sie nimmt sehr viel Zeit und Anstrengung in Anspruch. Die Piloten wollten diese oder jene Unzulänglichkeit beseitigen, und der FIA-Berater sagte einfach lapidar: ‚Nein, das machen wir nicht.‘ In der Vergangenheit ist das oft geschehen. Im Moment besteht also von mir aus kein Interesse.

Werden sich denn bei den anstehenden fünf Europa-Rennen die Scharmützel wiederholen?

Ich weiß es ehrlich nicht. Ich glaube, es wird ähnlich zugehen.

Die heiße Phase der Saison wird in Rom eingeläutet. Ist der Wettbewerb härter denn je?

Der Wettbewerb ist verrückt. Das Qualifying-Format macht es extrem schwierig, konstant zu bleiben. Es ist normal, dass die besten Fahrer als Erster im Qualifying fahren. Die Strecke ist aber zu dem Zeitpunkt im schlechtesten Zustand. Es bleibt alles immer dem Zufall überlassen. Die Rennen sind daher sehr schwierig. Momentan ist es eine sehr starke Meisterschaft.

Der Rennverlauf in Sanya war für dich unbefriedigend…

Im Qualifying ist mir ein Fehler unterlaufen. Das war ganz klar meine Schuld. In Gruppe 1 ist es extrem schwierig – nur Antonio Felix da Costa gelang der Sprung in die Super-Pole. Im Rennen waren wir verdammt schnell, die Zweitschnellsten hinter Buemi. Dann verpasste ich zweimal den Attack-Mode, auch das ging auf meine Kappe. Wir hätten trotzdem gute Punkte mitgenommen, wären in der Meisterschaft nur zwei Punkte hinter Felix da Costa gelegen. Der Unfall mit Frijns und Buemi war für mich echt frustrierend, zumal ich das ganze Wochenende sehr schnell unterwegs war. Und dann erzielst du letztendlich keine Punkte…

Meet the Team, München 2019, Thomas Biermaier, Nico Müller, Robin Frijns, Florian Modlinger, Lucas di Grassi, Daniel Abt, Hans-Jürgen Abt, Aral Ultimate Audi RS 5 DTM (c)Audi

Der öffentliche Disput via Twitter mit Robin Frijns hat bekanntlich hohe Wellen geschlagen…

Ich habe mit Robin schon in Sanya darüber (über den Unfall) gesprochen. An meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Buemi hätte eine härtere Bestrafung erhalten müssen, da er zwei Autos eliminiert hat. Auch Robin hätte meiner Meinung nach eine Strafe verdient. Das habe ich auf Twitter gesagt, dazu stehe ich heute nach wie vor.

Die Titelkandidaten sind in der Meisterschaft noch enger zusammengerückt. Bis zu elf Piloten kämpfen um die Krone. Was wird den Ausschlag für den Titelgewinn geben?

Die Meisterschaft wird verdammt schwer. Wir müssen konstant punkten. Der Pilot, der in jedem Rennen sein Level hochhalten kann, wird am Ende vorne liegen. Es ist alles sehr, sehr zusammengerückt. Wir beginnen de facto wieder bei Null. Wir müssen erneut gute, konstante Rennen zeigen. Wer durchschnittlich am besten fährt, holt den Titel.

Du warst bereits Champion und weißt also, wie man einen Titel gewinnt. Ein Vorteil im Kampf mit Felix da Costa und Co.?

Ein kleiner Vorteil vielleicht. Ich habe nur zehn Punkte Rückstand, zu Saisonbeginn waren es 30 Punkte. Das ist keine große Sache. Man hat in dieser Saison viel stärkere Konkurrenz. Sechs Fahrer haben bereits gewonnen. Nissan ist aktuell sehr stark, Techeetah, BMW und Audi sind auch bei der Musik dabei. Wir haben mindestens acht Fahrer, die siegen können.

Und der Schlüssel zum Titelgewinn?

Ein gutes Qualifying und saubere Rennen. Das Qualifying hilft da natürlich enorm.

 

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